Transnationaler Pakt

Die Krabbenfischer im Wattenmeer

„Beim Fischen ist das wie beim Beten. Man muss einfach dran glauben.“

Nils Sander aus dem ostfriesischen Neßmersiel glaubt fest daran. Mit fünf Jahren nahm ihn sein Vater das erste Mal mit auf Krabbenfang. Seither kann er sich ein Leben an Land nicht mehr vorstellen.

Auch Ebbe Stensberg Jensen aus dem Hvide Sande, hoch oben in Dänemark, fühlte sich schon als kleiner Junge vom Meer angezogen. Er angelte in den Fjorden und bewunderte die Schollenfischer, die sich während der Saison im Strandhaus seiner Familie einmieteten. Seit 1988 hat er sein eigenes Fischerboot.

“Das Aufspüren und Jagen - und das Gefühl der Freiheit. Dafür bin ich Fischer geworden”, sagt Ebbe.

Wie Nils und Ebbe ist auch Klaas Bouma aus dem holländischen Harlingen mit dem Meer groß geworden. Waren seine Vorfahren noch Schiffsbauer, hat er sich für die Fischerei entschieden - und das “bis heute nicht bereut”.

Nils, Klaas und Ebbe kommen von der Wattenmeerküste, die sich von Holland im Westen über Niedersachsen und Schleswig-Holstein bis nach Dänemark im Norden erstreckt. Ihre Familien leben „schon immer“ von der Fischerei.

Die Küstenfischerei gilt als die älteste Form der Meeresnutzung, die Krabbenfischerei als eine der ältesten Kulturtechniken der Nordseefischerei. Die Küstenbewohner sammelten Muscheln auf den Wattflächen, jagten Seehunde und fingen Fische und Garnelen in den Prielen und Tidengebieten. Wohlstand brachte die Küstenfischerei nicht, aber zum eigenen Überleben und zum Ernähren der Familie reichte es.

Mit der industriellen Revolution veränderte sich die Küstenfischerei, welche technologisch über 2.000 Jahre auf nahezu auf demselben Niveau verharrt hatte und bis Mitte des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich kaum von Bedeutung gewesen war.

Heute liegt die europäische Gesamtfangmenge an Nordseekrabben zwischen 32.000 und 35.000 Tonnen im Jahr. Deutschland ist nach Holland und vor Dänemark die zweitgrößte Fangnation.

Ihrem Wert nach ist die Nordseekrabbe Cragnon cragnon mittlerweile die wichtigste Zielart der deutschen Fischerei, in Holland und Dänemark ist ihre Bedeutung ähnlich groß.
90 Prozent der in Deutschland gefischten Krabben gehen vom Hafen direkt an den niederländischen Großhandel.

Die größten Krabbenesser sind übrigens die Belgier.

Die Nordseekrabbe ist biologisch eigentlich eine Nordseegarnele, wird aber in Deutschland „Krabbe“, manchmal auch „Porre“ oder „Granat“ genannt.

In Holland heißt sie „Noordzeegarnaal“, in Dänemark „Hesterejer“ - und die Belgier essen sie als „Crevette grise“.

Wenn Nils seinen Kutter aus dem Hafen steuert, weiß er nie, wie lange er fort sein wird. Manchmal ist er nur einen Tag unterwegs, manchmal zieht sich die Fahrt über zehn Tage hin, nur unterbrochen von gelegentlichen Stopps, um die bereits an Bord abgekochten und danach gekühlt gelagerten Krabben anzulanden.

Nils Sanders Arbeitsalltag wird von den Krabben und den Launen der Natur bestimmt. Wenn die Krabben da sind, müssen er und Kutterkollege Timo durcharbeiten, und dann und dort schlafen, „wo es gerade passt“. Aber solange der Teevorrat an Bord stimme, sei das kein Problem.

So wie die Dauer der jeweiligen Fahrt stets ungewiss ist, so ist auch die Route stets neu. Sie wechselt nicht nur täglich, sondern teilweise sogar halbstündig. Zwar habe jeder Krabbenfischer seine bevorzugten Gebiete, in denen häufig schon die Großväter gefischt haben, aber manchmal stimmten die damals geltenden Regeln nicht mehr, da sich die Natur ja auch verändere.

„Als Krabbenfischer ist man eigentlich immer am Suchen. Und natürlich gibt es auch Tage, an denen die Netze leer bleiben. Das is nu mal so, wa?“

Beim Aufspüren der Krabben verlässt sich Nils auf seine Intuition und seine Erfahrung. Die sei das Wichtigste.

Wenn Nils von „Erfahrung“ spricht, meint er den gesamten Wissensschatz der Sanders, einer Familie, die seit jeher von der Fischerei lebt.

„Wenn wir bei Oma am Küchentisch saßen, waren 150 Jahre Fischereierfahrung versammelt,“ sagt er mit einer Mischung aus Stolz und deutlich erkennbarer Achtung vor der Fischerei- und Seefahrtserfahrung seines Vaters und Großvaters.

„Meine Fanghaltung ist mit den Füßen auf dem Gashebel. So saß Vater auch schon immer.“

Das Wattenmeer, in dem Nils, Klaas und Ebbe seit Generationen fischen, wurde in den 80er Jahren zum Nationalpark und 2009 zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt.

Ein Erbe, welches zu jahrzehntelangen Auseinandersetzungen zwischen Umweltschützern und Krabbenfischern geführt hat, da etwa 40% der Nationalparkfläche für den Krabbenfang genutzt werden.

Doch die Wogen haben sich geglättet: Im Rahmen der MSC-Zertifizierung haben die Fischer der drei Länder 2017 erstmals in ihrer langen Geschichte einen gemeinsamen Managementplan für die Krabbenfischerei im Wattenmeer verabschiedet. Eine der letzten Fischereien Europas ohne gesetzlich geregelte Fangquote für die befischte Art muss nun strengeren Regeln folgen.

Die Krabbenfischer haben sich verpflichtet, ihren Eingriff in den Nationalpark gering zu halten und auf Veränderungen im Ökosystem schnell und angemessen zu reagieren. Sie legen Schonzeiten ein, in denen kein Krabbenfang stattfindet. Sie verwenden Netze mit großen Maschen und Notöffnungen, um den Beifang von Jungkrabben und Bodenfischen gering zu halten. Durch leichte Netzmaterialien und ein großräumiges Umfahren sensibler Gebiete minimieren sie die Auswirkungen auf den Meeresboden.

Die vom MSC auferlegten Anforderungen bedeuten für Nils und seine Kollegen in allen drei Ländern zusätzliche Einschränkungen. Dennoch begrüßen sie die MSC-Zertifizierung. Nils nennt es „ein Pfund mit dem du wuchern kannst.“

Teile diese Fischereigeschichte: